Das Darmstädter Echo berichtet über die 150-jährige Chorgeschichte
Darmstädter Echo 2006-04-28: Der erste Verein nach der Revolution
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| Sänger: Ober-Ramstädter Chor ’56 blickt 150 Jahre zurück – Ein schwarzer Koffer mit allerlei "Choriositäten" taucht auf |
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| OBER-RAMSTADT. Ein alter schwarzer Koffer mit der Aufschrift "Gesangverein Eintracht 1856" aus dem Archiv des Ober-Ramstädter Vereins für Heimatgeschichte entpuppte sich jetzt, rechtzeitig zum Jubiläum des Chors '56, als Ansammlung von überraschenden "Choriositäten". Ordner mit vergilbten Papieren, Protokolle, Stempel und Plakate tauchten auf. Jubiläen waren lückenlos dokumentiert, selbst Nebensächliches akribisch festgehalten. So manches war hier vermerkt, was die Chronik der Sänger nun auf amüsante Art bereichert. |
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Siebzehn Ober-Ramstädter Bürger taten sich vor 150 Jahren zu einem Gesangverein zusammen, den sie vier Jahre später "Eintracht 1856" nannten. Es war die erste Vereinsgründung in der Stadt, denn bis zum Revolutionsjahr 1848 war eine solche Vereinigung noch undenkbar. Die Männer trafen sich zu ihren Übungsstunden in einem Haus in der Sonngasse, doch schon acht Jahre später wurde die dort angemietete Stube zu teuer. Denn wegen des Baus der Odenwaldbahn und der angeheuerten italienischen Arbeiter waren die Mieten im Ort inzwischen ums Fünffache gestiegen. |
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Fortan trafen sich die Sänger also in einer Schuhmacherwerkstatt in der Hammergasse. Schon 20 Jahre nach Vereinsgründung feierten sie ihr erstes Fest auf der Fohlenweide, der heutigen Ammerbachstraße. Zehn Jahre später folgte eine Feier im Wald in der Günkelbach. Wieder zehn Jahre später gab der Chor ein zünftiges Zwei-Tage-Fest mit bezahlter Musik, aber ohne im Besitz eines "Erlaubnißscheins" zu sein, was ihm eine Geldstrafe von 7 Mark und 80 Pfennig eintrug. Dabei waren zuvor schon 400 Fichten zum Ausschmücken der Ortsstraßen aus Ernsthofen gekommen, was "inklusive Hauerlohn" immerhin 15 bis 18 Pfennig pro Baum kostete. |
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Nach dem Ersten Weltkrieg wandelte sich die "Eintracht". Durch Herkunft und religiöse Bindung der Gründer zunächst evangelisch-lutherisch ausgerichtet, wurde sie nun zu einem "weltlichen" Verein, der jedermann – damals natürlich ausschließlich Männern – offen stand. Mit Beginn des Jahres 1933 gab es in Ober-Ramstadt fünf Gesangvereine, danach nur noch drei. Die "Eintracht 1856" konnte sich wie die "Germania 1893" der Gleichschaltung entziehen. Im "Samper’schen Männerchor" schlossen sich drei Vereine zusammen, darunter das von Turnern 1905 gegründete "Doppel-Quartett Concordia", das erst 1950 wieder selbstständig wurde. Aus diesem und der "Eintracht" ging dann 1972 der "Chor ’56" hervor. |
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Doch zuvor feierte die "Eintracht 1856" noch das 100. Stiftungsfest. Die Unterlagen zu Festfolge und Festzugsordnung, Bewerbungen von Schaustellern für Fahrgeschäfte, Schießhallen und Losbuden, auch die der ortsansässigen Metzger und Bäcker für einen Verkaufsstand steckten alle im schwarzen Koffer. Im Übrigen beweisen die Protokolle von diversen Wertungssingen, dass sich die Sangeskünste wenig änderten: Immer wieder monierten die Prüfer, dass "die Phrasierungsbögen nicht ausgesungen und durch Atmen zertrennt werden". Auch in den Jahrbüchern wiederholen sich die Eintragungen: "XY feierte seinen x. Geburtstag, wir brachten ihm ein Ständchen, und er bedankte sich mit einem Fässchen Bier, das gleich nach der Singstunde gemeinsam geleert wurde." Im Koffer fand sich auch die Gründungsakte "Doppelquartett Concordia 1905 mit Eintracht 1856" von 1972 und die erste Satzung, die sich der daraus entstandene "Chor ’56" damals gab. Die "Concordia" hatten ursprünglich einige besonders stimmbegabte Sänger aus der Singmannschaft des Turnvereins als "Turnerquartett" gegründet, das sich wöchentlich zu gleich zwei Chorproben traf. Was den Sängern natürlich könnerische Vorteile verschaffte, so dass Neid entstand: Bei Veranstaltungen des Turnvereins waren gesonderte Auftritte des Quartetts nicht mehr erwünscht. Erst mit der Trennung kam der Name "Doppelquartett Concordia" auf, der zwar in den dreißiger Jahren verschwinden musste, unter dem die Sänger aber ab 1950 bis in die Siebziger bei Wettbewerben wieder beachtliche Erfolge erzielten. 1976 feierten "Eintracht" und "Concordia" dann unter dem neuen Namen "Chor ’56" das 125. Jubiläum mit Konzert im Schützenhof und Vier-Tage-Fest auf dem Sportplatz "In der Aue". Längst durften auch Frauen mitsingen. Und als wenig später Dirigent Norbert Hanf den Taktstock in die Hand nahm, wurde ein Jazzchor ins Leben gerufen. Auch ein Kinderchor entstand. Den 150. Geburtstag begeht der "Chor ’56" nun mit mehreren übers Jahr verteilten Veranstaltungen. Am Samstag (29.) um 17 Uhr ist ein Festakt in der Stadthalle. Am 20. Mai folgt ein Jazz-Konzert, am 1. Juli sind Gruppen aus der Region dabei, wenn "Ober-Ramstadts Jugend singt und musiziert". |
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Elke Lipp |
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